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Was ist Religionswissenschaft?

Religionswissenschaft ist die Wissenschaft von der Religion bzw. den Religionen. Sie erforscht die Religionen der Welt in ihren kulturellen, sozialen und historischen Zusammenhängen. Neben dem Studium kulturspezifischer Entwicklungen widmet sie sich der systematischen Erforschung von Religion als allgemeinem Bestandteil gesellschaftlicher Kommunikation und Kulturproduktion. Religion wird hierbei in ihren Wechselwirkungen mit anderen kulturellen Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Recht, Ökonomie, Kunst usw. betrachtet.

Was ist eigentlich ‚Religion’?

Mittlerweile gibt es weit über 100 Definitionsversuche dessen, was Religion ist. Das sieht übrigens in anderen Fächern, die sich mit bestimmten sozialen Teilbereichen beschäftigen, etwa der Politikwissenschaft, der Wirtschaftswissenschaft, Jura oder der Kunstgeschichte, nicht anders aus. Bis heute streiten Religionswissenschaftler/innen, Politikwissenschaftler/innen, Wirtschaftswissenschaftler/innen, Kunsthistoriker/innen sowie Jurist/innen um eine jeweils angemessene Definition ihres Gegenstandes. Im Studium werden Studierende mit den wichtigsten und für die Religionswissenschaft folgenreichsten Deutungsversuchen von Religion vertraut gemacht. 

Doch auch ohne letztgültige Antworten über Religion kann man vorsichtig die Hypothese aufstellen, dass in jeder Gesellschaft bestimmte Leitunterscheidungen getroffen werden bzw. für diese Gesellschaften grundlegend sind - auch in sogenannten säkularen Gesellschaften: nämlich Unterscheidungen wie immanent und transzendent oder heilig und profan. Selbst das 19. Jahrhundert, das als das Jahrhundert der Säkularisation  -dem Rückzug der Religion(en) - in die Geschichte eingegangen ist, kennt den "Heiligen Krieg" gegen Napoleon und das "heilige Vaterland". In dieser vorsichtigen Annäherung können wir behaupten, dass wir überall dort auf religiöse oder religioide (das sind religionsähnliche) Sachverhalte stoßen, wo es Unterscheidungen wie immanent und transzendent, heilig und profan gibt oder ähnlichen Aussagen getroffen und dadurch Wirklichkeiten konstruiert werden. 

Religionswissenschaft ist keine Theologie

Wichtig ist, dass Religion der Gegenstand der Religionswissenschaft und nicht ihr Inhalt ist. In der Religionswissenschaft werden wissenschaftlich, d. h. methodisch kontrolliert religiöse Sachverhalte analysiert und theoretisch reflektiert. Aber Religionswissenschaft ist keine Religion und sie ist auch keine Theologie! In unserer Rolle als Religionswissenschaftler/innen sind wir gewissermaßen religiöse Skeptiker oder Agnostiker. Wenn wir in die wissenschaftliche Rolle hineinschlüpfen, so spielen auch persönliche Glaubensbekenntnisse keine Rolle mehr. Wir streiten uns nicht über Fragen, ob es Gott oder die Götter etc. nun wirklich gibt oder nicht. Der Sachverhalt, mit dem wir uns beschäftigen, ist die Tatsache, dass Menschen an Gott oder ählliches glauben oder eben nicht glauben. Und die Tatsache des Glaubens kann einen Unterschied machen, besonders in der Hinsicht, dass dadurch Verhaltensmuster erzeugt sowie Wahrnehmungen und schließlich Denkweisen geprägt werden. Religion kann mithin eine gesellschaftsprägende Kraft haben. Folgt man beispielsweise der Argumentation des Religionssoziologen Max Weber, so waren es mithin religiöse Überzeugungen, die die Entstehung des Kapitalismus herbeigeführt haben.

Um es kurz zu machen: Die Religionswissenschaft beschäftigt sich mit der Religion als einer sozialen und psychologischen Tatsache. Und es ist eine soziale und psychologische Tatsache, dass Menschen an Geister, Götter, Dämonen und Engel geglaubt und Praktiken zur Kommunikation mit diesen Mächten entwickelt haben. Religion als sozialpsychologische Tatsache lässt sich unabhängig von der Frage untersuchen, ob es Geister, Götter, Dämonen oder Engel nun wirklich gibt oder nicht. Wer als Religionswissenschaftler/in meint, die Existenz von Geistern, Göttern und Dämonen beweisen oder widerlegen zu können, hat die Wissenschaft mit ihrem Gegenstand verwechselt. Die Aussagen „es gibt Gott“ oder „es gibt keinen Gott“  sind religiöse bzw. weltanschaulicher Aussagen, keine religionswissenschaftlichen. Deshalb ist ein sogenannter methodologischer Agnostizismus grundlegend für das Fach. 

Dies soll wiederum nicht heißen, dass Religionswissenschaftler/innen agnostisch sind oder sich nur Agnostiker/innen als Religionswissenschaftler/innen eignen. Viele Religionswissenschaftler/innen sind selbst sehr religiöse Menschen. Auch unter den Studierneden mögen zahlreiche Personen sehr religiös oder, was in dieser Frage auf dasselbe hinausläuft, entschieden antireligiös sein. Aber religiöse Überzeugungen sollten in dem Moment, in die religionswissenschaftliche Brille aufgesetzt wird, keine Rolle spielen. Religionswissenschaft als soziale Praxis setzt entsprechend einen persönlichen Differenzierungsvorgang voraus. Als Mensch und im Alltag können Sie religiös, anti-religiös oder eben nicht religiös sein, wenn Sie in die Rolle des/der Religionswissenschaftler/in schlüpfen, sind Sie nicht religiös. 

Materiale Religionsgeschichte und systematische Religionswissenschaft

Wenn man die Frage darauf richtet, wie sich die Religionswissenschaft dem Thema Religion annähert, so gibt es insbesondere zwei Zugänge. Der eine ist eher historisch. Er fragt nach Religion und der Ausformung einzelner Religionen in historischen Epochen, von der Urzeit bis zur Gegenwart. In jüngerer Zeit wird wieder zunehmend die Frage diskutiert, ob es nicht nur die Geschichte einzelner Religionen, sondern so etwas wie eine weltweite Religionsgeschichte gegeben hat, also etwas wie eine globale Evolution der Religion.

Neben der historischen Perspektive gibt es eine systematische Perspektive. Sie geht weniger in historische Details, sondern untersucht in vergleichender und analytischer Hinsicht religiöse Sachverhalte. Rituale, Mythen, Gottesvorstellungen, Endzeitvorstellungen, Prophetie und so weiter kennen wir aus zahlreichen Religionen. Was genau sind beispielsweise Rituale, wie funktionieren sie und welche Wirkung können sie entfalten? Weiterhin ist in systematischer Hinsicht danach zu fragen, wie Religion mit anderen sozialen Bereichen wie Politik, Wirtschaft, Kunst, Recht, Sexualität und anderen in Wechselwirkung steht. Wenn Religion eine soziale Tatsache ist, so stellt sich die Frage, wie sich Religion zu anderen sozialen Feldern wie Politik oder Wirtschaft verhält – grundsätzlich und im historischen Einzelfall. 

Religionswissenschaft als interdisziplinäres Untersuchungsfeld

Die wissenschaftliche Untersuchung von Religion(en) zeichnet sich dadurch aus, dass zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen ihren Beitrag dazu leisten. Dazu gehören im Bereich der materialen Religionsgeschichte unter anderem die Ethnologie (z. B. die Untersuchung indigener Religionen), die Altorientalistik, die klassische Philologie, die Geschichtswissenschaften, ferner die Regionalwissenschaften (z. B. Afrikanistik, Indologie, Ostasienwissenschaften) sowie jene Disziplinen, die sich mit einzelnen religiösen Strömungen auseinandersetzen (so die Theologien, Judaistik, Islamwissenschaft, Buddhologie usw.). Im Zweig der systematischen Religionswissenschaft sind insbesondere die Soziologie, die Ethnologie, die Psychologie, die Wirtschafswissenschaften und die Philosophie von besonderer Wichtigkeit. 

Allein die lange und nicht vollständige Aufzählung zeigt, dass das Fach Religionswissenschaft wie kaum ein anderes Fach aus den Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften eine interdisziplinäre Prägung hat. Mit diesen Fächern teilt Religionswissenschaft die inhaltliche Schnittfläche Religion sowie Theorien und Methoden. In diesem Sinn bildet Religionswissenschaft ein Querschnittfach, das sämtliche Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften unter ihrem Beitrag zum Gegenstand Religion vereint. Studierende dieses Faches werden sich deshalb Inhalte, Theorien und Methoden unterschiedlicher Disziplinen aneignen und eigenständig Schwerpunkte ausbilden müssen.